Clemens Kühn

Zu Bedingungen musikalischer Analyse. Eine Gedankenkette durch ein Labyrinth

Beitrag zur Jahrestagung der Gesellschaft für Musikforschung Halle/Saale 2015 – »Musikwissenschaft: die Teildisziplinen im Dialog«


Drei Erlebnisse zur Analyse sind mir unvergesslich. An der Berliner Hochschule der Künste hatten wir uns in einer Streicher-Gruppe mit dem Menuett aus Bachs G-Dur-Suite für Cello solo beschäftigt. Ein Student spielte das Stück vor. Im Anschluss an das Vorspiel besprachen wir den Satz ausführlich, vor allem seinen Übergang von einem periodisch gemächlichen Anfang in einen motorischen Sog. Danach bat ich den Studenten, nun das Menuett noch einmal vorzutragen. Er nahm sein Cello, sah mich an, und sagte: »Ich spiele es nicht anders als beim ersten Mal«. Jahre später an der Münchner Musikhochschule: Helga Storck, Professorin für Harfe, lud mich zu einem auswärtigen Kurs ihrer Klasse ein, um die Werke mit harmonischen Analysen zu begleiten. Der Beweggrund für die Einladung verblüffte mich: auf der Grundlage der Harmonik könne man Stücke besser auswendig lernen. Bei der Jahrestagung der Gesellschaft für Musikforschung 2013 an der Dresdner Musikhochschule sprachen Manuel Gervink und ich über Schuberts Lied Rastlose Liebe, aus musikwissenschaftlicher und musiktheoretischer Sicht, um deren Denkweise zu veranschaulichen. Anschließend kam Ekkehard Klemm, Dirigent und damaliger Rektor der Musikhochschule, zu uns und verwunderte sich darüber, dass keiner von uns beiden den dominanten Rhythmus des Liedes angesprochen habe. Er hat natürlich völlig Recht: Mehr als die Hälfte des Liedes wird beherrscht von dem rhythmischen Motiv kurz–kurz–lang. Wahrscheinlich kann gerade ein Interpret darauf anspringen. Es macht einen großen Unterschied, ob Komponisten, Historiker, ausführende Musiker oder Musikpädagogen ein Werk anschauen, weil ihre Erkenntnisinteressen voneinander abweichen und sie dadurch jeweils andere Ausschnitte einer Musik in den Blick nehmen. Also liegt es nahe, dass Analysen multiperspektivisch verfahren sollten, um der musikalischen Vielschichtigkeit gerecht zu werden …

Format · Aufsatz

URN · urn:nbn:de:101:1-20160905607

Publikationsort · Schott Campus, Mainz 2016

Zitation · Kühn, Clemens: »Zu Bedingungen musikalischer Analyse. Eine Gedankenkette durch ein Labyrinth«, in: Beitragsarchiv zur Jahrestagung der Gesellschaft für Musikforschung Halle/Saale 2015 – »Musikwissenschaft: die Teildisziplinen im Dialog«, hrsg. von Wolfgang Auhagen und Wolfgang Hirschmann [http://schott-campus.com/gfm-jahrestagung-2015], Mainz 2016 [Schott Campus, urn:nbn:de:101:1-20160905607].


Das Beitragsarchiv fasst Referate und Posterpräsentationen der Jahrestagung der Gesellschaft für Musikforschung 2015 in Halle/Saale zusammen, bietet einen guten Überblick über derzeit in der Musikwissenschaft verhandelte Themen und zeigt Wege für eine intra-interdisziplinäre Zusammenarbeit auf. Es spiegelt hiermit das der Tagung zugrundeliegende Konzept »Musikwissenschaft: die Teildisziplinen im Dialog« wider.

→ Beitragsarchiv zur Jahrestagung der Gesellschaft für Musikforschung Halle/Saale 2015