Frank Hentschel

Musikgeschichte im Raster der Notation

Beitrag zur Jahrestagung der Gesellschaft für Musikforschung Halle/Saale 2015 – »Musikwissenschaft: die Teildisziplinen im Dialog«


Ich habe noch vor 10 Jahren erlebt, dass ein Kollege bei einer akademischen Einführungsveranstaltung für Erstsemester in ungefährem Wortlaut erklärte, der Gegenstand der Musikwissenschaft seien die schwarzen Punkte auf weißem linierten Papier. Er reagierte damit auf die mindestens berechtigte Frage eines Studienanfängers, ob denn auch Veranstaltungen zur sogenannten populären Musik angeboten würden. Für den Fachkollegen, der diese Art von Musik auch gern als »Unterschichtengeräusche« apostrophiert, war mit der Festlegung des Gegenstandsbereichs der Musikwissenschaft auf notierte Musik natürlich eine Reihe ideologischer Wertmerkmale verknüpft. In Anlehnung an die Vorstellung, Hochkulturen seien grundsätzlich Schriftkulturen, sollte auch die einer Wissenschaft würdige Musik schriftlich sein. Nicht-schriftliche Musiken erschienen umgekehrt als musikalischer Analphabetismus. Gleichzeitig war das Postulat der Schriftlichkeit deutlich sozial motiviert. Der für das Selbstbewusstsein zumindest der deutschsprachigen Musikwissenschaft so wichtige intellektuelle Anspruch der Musik wurde implizit an das Vorhandensein einer Partitur geknüpft. Im Zuge der Entstehung einer umfassenden bürgerlichen Kultur etwa seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bemühten sich Musiker um einen Platz der Musik im Kanon der sanktionierten Bildungsgüter. Einem immer auch mit intellektuellen oder geistigen Faktoren verbundenen Bildungsanspruch zu genügen, war eine Voraussetzung dafür, der Musik in der bildungsbürgerlichen Gesellschaft einen Platz zu sichern. Gerade in einer Zeit der zunehmenden Alphabetisierung war Schriftlichkeit dafür anscheinend eine notwendige, wenn auch noch nicht hinreichende Bedingung. Diese Ideologie gründet sich unter anderem auf drei Prämissen, die man keineswegs teilen muss und meines Erachtens auch nicht teilen sollte …

Format · Aufsatz

URN · urn:nbn:de:101:1-20160905686

Publikationsort · Schott Campus, Mainz 2016

Zitation · Hentschel, Frank: »Musikgeschichte im Raster der Notation«, in: Beitragsarchiv zur Jahrestagung der Gesellschaft für Musikforschung Halle/Saale 2015 – »Musikwissenschaft: die Teildisziplinen im Dialog«, hrsg. von Wolfgang Auhagen und Wolfgang Hirschmann [http://schott-campus.com/gfm-jahrestagung-2015], Mainz 2016 [Schott Campus, urn:nbn:de:101:1-20160905686].


Das Beitragsarchiv fasst Referate und Posterpräsentationen der Jahrestagung der Gesellschaft für Musikforschung 2015 in Halle/Saale zusammen, bietet einen guten Überblick über derzeit in der Musikwissenschaft verhandelte Themen und zeigt Wege für eine intra-interdisziplinäre Zusammenarbeit auf. Es spiegelt hiermit das der Tagung zugrundeliegende Konzept »Musikwissenschaft: die Teildisziplinen im Dialog« wider.

→ Beitragsarchiv zur Jahrestagung der Gesellschaft für Musikforschung Halle/Saale 2015